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Analoge Fotografie 2026 — der Film-Boom ist echt, nur zahlt der Sammlermarkt nicht dafür

Redonnoir Editorial · 13. August 2026 · Lesezeit ca. 8 Minuten
Streifen belichteter 35-mm-Schwarzweiss-Negative auf einem Leuchttisch, daneben ein roter Fettstift — analoge Fotografie 2026 im dunklen Galerie-Hinterzimmer
Das Negativ ist der Anfang. Bezahlt wird am Ende der Abzug.

Am 4. August 2026 hat Eastman Kodak seine Zahlen für das zweite Quartal vorgelegt. Der Umsatz stieg auf 311 Millionen Dollar, ein Plus von 18 Prozent gegenüber den 263 Millionen des Vorjahresquartals. Die Sparte Advanced Materials & Chemicals, in der das Filmgeschäft sitzt, legte von 75 auf 105 Millionen Dollar zu — 40 Prozent in einem Jahr. Der Bruttogewinn wuchs um 61 Prozent. Es war das vierte Wachstumsquartal in Folge für ein Unternehmen, das vor gut zehn Jahren aus der Insolvenz kam.

In der Fotoszene wurde das erwartbar gefeiert: Beweis, dass Film zurück ist. Die Zahl ist auch tatsächlich hart, sie stammt aus einem geprüften Quartalsbericht und nicht aus einer Trendumfrage. Nur trägt sie eine andere Aussage, als ihr zugeschrieben wird — und für alle, die Fotografie kaufen statt fotografieren, trägt sie fast gar keine.

Was in Kodaks Zahlen steht — und was nicht

Der Wachstumstreiber ist nach Darstellung des Unternehmens und der Analystenberichterstattung vor allem Kinofilm: 35- und 65-Millimeter-Material für Produktionen, die wieder auf Zelluloid gedreht werden. Das ist ein Industriegeschäft mit wenigen, sehr großen Abnehmern. Ein einziger Blockbuster, der analog gedreht wird, verschiebt in dieser Sparte mehr als zehntausend Hobbyfotografen mit je zwei Filmen im Monat.

Dazu kommen zwei Details, die in den Jubelmeldungen fehlen. Erstens ist Advanced Materials & Chemicals nicht gleich Film — in der Sparte stecken auch Spezialchemie und Auftragsfertigung. Zweitens nennt Kodak selbst neben höherem Volumen ausdrücklich höhere Preise als Ursache des Zuwachses, teilweise aufgezehrt durch gestiegene Silber- und Aluminiumkosten. Silber ist der Rohstoff der lichtempfindlichen Schicht. Ein Teil des Umsatzwachstums ist damit schlicht eingepreiste Materialverteuerung, keine zusätzlich verkaufte Rolle.

Ein Produktionsboom ist noch kein Sammlerboom. Die beiden Märkte teilen sich nur das Wort „analog“.

Die Gegenprobe: Die Kameras kühlen bereits ab

Wer wissen will, wie tragfähig eine Renaissance ist, schaut nicht auf das Verbrauchsmaterial, sondern auf die Investitionsgüter. Dort sieht es nüchterner aus. Ricoh brachte 2024 mit der Pentax 17 die erste neu entwickelte Filmkamera eines großen Herstellers seit Jahren — die Vorbestellungen übertrafen die Erwartungen so deutlich, dass das Gerät über Monate kaum lieferbar war.

Zwei Jahre später ist die Lage anders. Der Absatz hat sich spürbar verlangsamt, der leitende Konstrukteur des Projekts hat das Unternehmen verlassen, und Ricoh sammelt zunächst weiter Rückmeldungen von Fotografen, statt ein Nachfolgemodell zu bestätigen. Anfang 2026 signalisierte man immerhin Offenheit für eine Filmversion der GR-Reihe. Offenheit ist kein Produktionsplan.

Das Muster ist typisch für kulturelle Wiederentdeckungen: Ein Neugier-Peak, dann ein kleinerer, aber stabiler Sockel aus Überzeugten. Genau dieser Sockel erklärt, warum Kodaks Filmgeschäft läuft — und warum der Hype um neue Analogkameras trotzdem abflacht.

Warum Korn 2026 überhaupt wieder ein Argument ist

Die interessantere Frage ist, warum ausgerechnet jetzt ein achtzig Jahre altes Verfahren Prestige zurückgewinnt. Die ehrliche Antwort hat wenig mit Nostalgie zu tun und viel mit Sättigung. In dem Moment, in dem jedes zweite Bild in einem Feed generiert sein kann, wird alles wertvoll, was sich physisch belegen lässt: ein Negativ, ein Kontaktbogen, eine Laborrechnung, ein Datum.

Seit dem 2. August 2026 greift die europäische Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Inhalte — ein Fortschritt, der Sammler aber nur zur Hälfte schützt, weil Kennzeichnung Deklaration ist und keine Prüfung. Woran sich Echtheit im Kunstkontext tatsächlich festmachen lässt, haben wir in KI-Kunst erkennen 2026 auseinandergenommen. Film liefert in dieser Lage etwas, das ein Datenfeld nicht liefert: eine materielle Kette vom Moment bis zum Abzug.

Das erklärt auch, weshalb der Look selbst zur Ware geworden ist. Korn, Halation, der weiche Abriss in den Lichtern — diese Merkmale werden heute digital nachgebildet und als Filter verkauft. Wer sie sieht, weiß deshalb noch nichts über die Herkunft eines Bildes. Ein Filmlook ist eine ästhetische Entscheidung, kein Echtheitsnachweis.

Der Markt zahlt nicht für den Film. Er zahlt für den Abzug.

Hier liegt der Punkt, den Analog-Enthusiasmus und Kunstmarkt konsequent aneinander vorbeireden lassen. Auktionshäuser bewerten kein Aufnahmeverfahren. Sie bewerten ein Objekt: den Abzug — wer ihn wann gezogen hat, in welcher Auflage, in welchem Zustand, mit welcher lückenlosen Herkunft.

Vintage, Later, Modern Print — drei Etiketten, drei Preisklassen

Die Terminologie wirkt spröde, entscheidet aber über den Preis eines identischen Motivs:

Diese Spanne stammt aus dem Markt der klassischen Moderne und lässt sich nicht auf zeitgenössische Editionen übertragen. Sie zeigt aber die Logik: Bewertet wird Seltenheit und Autorschaft am physischen Objekt, nicht die Romantik des Aufnahmeprozesses. Wie weit derselbe Print allein aufgrund von Zustand und Provenienz auseinanderliegen kann, haben wir an zwei Irving-Penn-Abzügen aus einer Auflage von 22 durchgerechnet: Fotokunst Wert bestimmen.

Silbergelatine oder Pigmentdruck: die falsche Frage

Der Silbergelatineabzug ist das historische Verfahren der Schwarzweißfotografie, das Bild besteht aus metallischem Silber in einer Gelatineschicht. Der Archivpigmentdruck legt Pigmente auf Baumwollpapier. Beide sind bei sachgerechter Lagerung langlebig; beide altern unterschiedlich, und beide werden im Handel gefälscht beziehungsweise unpräzise beschrieben.

Wer nach der „besseren“ Technik fragt, stellt deshalb die Frage falsch. Die brauchbare Frage lautet: Steht das konkrete Verfahren mit Papier, Auflagenhöhe über alle Formate und laufender Nummer schriftlich im Zertifikat? Der Rest ist Marketingvokabular. Welche Angaben ein belastbares Editionszertifikat enthalten muss, steht in unserem Leitfaden zu Limited Edition Prints.

Was wir selbst machen — und warum wir es dazuschreiben

Zur Redlichkeit gehört, die eigene Position offenzulegen. Die Redonnoir-Editionen sind Archivpigmentdrucke auf Hahnemühle-Fine-Art-Papier, handnummeriert und signiert, Auflage 25 über alle Formate. Sie sind damit — in der Sprache des Marktes — moderne Abzüge zeitgenössischer Arbeiten und keine Vintage Prints. Das ist keine Schwäche, es ist eine Kategorie: Zeitgenössische Fotografie wird heute überwiegend so herausgegeben.

Wir schreiben es deshalb dazu, weil die Alternative in dieser Marktlage verlockend wäre. Ein „analoger“ Anstrich verkauft 2026 besser. Nur ist eine Galerie, die beim Verfahren unpräzise wird, beim nächsten Punkt — der Auflagenhöhe — genauso unpräzise. Wer Editionen sammelt, kauft am Ende die Verlässlichkeit der Angaben mit.

Praxis

Vier Fragen, die ein seriöser Anbieter ohne Zögern beantwortet: Welches Druckverfahren und welches Papier? Wie hoch ist die Gesamtauflage über alle Formate? Wer hat den Abzug wann hergestellt? Und gibt es dazu ein nummeriertes Zertifikat mit Signatur? Vier klare Antworten sind mehr wert als jede Herkunftserzählung.

Was das für Käufer 2026 praktisch heißt

  1. Zahlen Sie keinen Aufschlag für „analog“ als Wort. Ein Aufpreis ist begründet, wenn er an ein konkretes, überprüfbares Verfahren gebunden ist — Handabzug im Labor, dokumentiert, nummeriert. Nicht an eine Stimmung.
  2. Fragen Sie nach dem Abzug, nicht nach der Kamera. Die Kamera steht in keinem Auktionskatalog. Verfahren, Datum, Auflage und Zustand schon.
  3. Filmlook ist kein Herkunftsnachweis. Korn lässt sich in Sekunden simulieren. Verlassen Sie sich auf Dokumente, nicht auf Oberfläche.
  4. Der Einstieg bleibt günstiger als der Ruf. Warum Fotografie gerade unter jüngeren Käufern Anteile gewinnt, steht in Fotokunst sammeln 2026.

Wie ein Werk in Ihrem eigenen Raum wirkt, lässt sich vorab in der Room-Preview prüfen; wie eine sehr enge Bildregel in der Praxis aussieht, zeigt exemplarisch Lacquer Loves Rain.

Die ehrliche Einordnung

Bleibt der Kern: 2026 ist ein gutes Jahr für Film und ein noch besseres für alle, die Fotografie als physisches Objekt ernst nehmen. Nur verlaufen die beiden Bewegungen nicht parallel. Der Boom findet in der Produktion statt. Der Wert entsteht am Papier.

Häufige Fragen

Ist ein analog belichtetes Foto mehr wert als ein digitales?

Nicht allein wegen des Aufnahmeverfahrens. Bewertet wird der Abzug, nicht das Negativ: wer ihn wann hergestellt hat, in welcher Auflage, in welchem Zustand und mit welcher Provenienz. Ein früher, vom Fotografen selbst gezogener Abzug erzielt regelmäßig ein Vielfaches eines später aus demselben Negativ gefertigten — der Unterschied liegt in Seltenheit und Autorschaft, nicht im Filmmaterial.

Was ist der Unterschied zwischen Vintage Print, Later Print und Modern Print?

Ein Vintage Print entsteht zeitnah zur Aufnahme, meist innerhalb weniger Jahre und in der Regel durch den Fotografen selbst. Ein Later Print wird deutlich später aus demselben Negativ gezogen, oft noch zu Lebzeiten. Ein Modern oder Estate Print entsteht nach dem Tod des Fotografen, autorisiert durch den Nachlass. Dieselbe Aufnahme, drei Preisklassen.

Ist ein Archivpigmentdruck schlechter als ein Silbergelatineabzug?

Nein, es sind zwei Verfahren mit je eigenen Stärken. Der Silbergelatineabzug ist das historische Verfahren der klassischen Schwarzweißfotografie, der Archivpigmentdruck auf Baumwollpapier der heutige Standard für zeitgenössische Editionen — bei sachgemäßer Lagerung ebenfalls langlebig. Entscheidend ist nicht das Etikett, sondern dass Verfahren, Papier, Auflagenhöhe und Nummerierung schriftlich dokumentiert sind.

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